Ronnith Neuman über sich, Alexandros Kasantzakis und Kristina Tzavrou

„Warum schreibst du ausgerechnet Krimis“, fragte mich eines Tages eine Freundin. „Hast du nichts Besseres zu tun?“

Ich lachte. Gute Frage!

Nun, ich habe immer gern erzählt. Doch Autorin oder Schriftstellerin? Also ein alles zu Papier bringendes Wesen?  Nein, so etwas wollte ich ganz gewiss nicht werden.


Wie gesagt: Ich habe immer gern erzählt - aber nicht geschrieben.

Vielleicht entstand meine Vorliebe für Schauergeschichten just in dem Augenblick, als ich die dunkle, feuchtwarme Geborgenheit des mütterlichen Schoßes verließ, man mich in eine Wolldecke wickelte und durch die zionistisch erhitzte, vom Rauch der Bomben geschwängerte Atmosphäre des Unabhängigkeitskrieges zwischen Arabern, Engländern und Juden, in das vor der Entbindungsstation wartende Taxi hinaustrug. Zwei Monate später wurde dank einer UNO-Resolution, in der übrigens Russland die letzte noch fehlende Stimme abgab, der Jom Ha’azmaut - der Unabhängigkeitstag - begründet und der Staat Israel proklamiert. Wenige Jahre zuvor waren meine Eltern aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Palästina, dem heutigen Israel, geflohen, wo ich die ersten zehn Jahre meines Lebens aufwachsen sollte.


Ein weiterer Grund für meine Vorliebe zum Schaurigen könnte ein Erlebnis rund drei Monate nach meiner Geburt gewesen sein. Der Kinderwagen, in dem ich gerade ein friedliches Verdauungsschläfchen hielt, kam durch den versehentlichen Stoß des Briefträgers ins Rollen und fuhr von der weinberankten Terrasse, auf der wir den Sommer verbrachten, samt meiner Winzigkeit über fünf Stufen und einen niedrigen Steinwall direkt in das unter unserem Haus sich erstreckende ausgedörrte Wadi. Dort wurde er vom Stamm der einzigen Pinie gestoppt, kippte um und begrub mich unter sich. Die unerklärliche Finsternis und Stille, in der ich mich plötzlich wiederfand, begründete wohl einerseits meine Klaustrophobie vor engen, dunklen Räumen, andererseits meinen Hang zum Schauerlichen.

Warum also Krimis?


Ist ein Kriminalroman denn so etwas anderes, als eine moderne Schauergeschichte? Ein Spiegel der Zeit, in der wir heute leben? Mit Mord und Blut und einer bekömmlichen Portion Grusel. Mit politischem oder sozialkritischem Bezug, psychologischem oder medizinischem Touch. Mit Action, Liebe und Sex, unterhaltsam, bisweilen sogar humorvoll, in -hoffentlich- anspruchsvoller Verpackung.


Doch an jenem für mich wechselvollen Geburts-, Sonn- und Schalttag, - es war der 29. Februar - an dem sich Israel noch Palästina nannte und in einen realen Horror verwickelt war, lag das Wort Krimi noch weit außerhalb meines Babyhorizontes. Einstweilen war ich vollauf damit beschäftigt, der Bezeichnung „Sabra“ gerecht zu werden. So werden die in Israel Geborenen genannt: „Sabres“, Kakteenfrüchte: Außen stachelig, innen süß.


Bei meiner Geburt war ich zu klein. Zu dünn. Zu schwach. Und ich schrie. Schrie mir stundenlang mit allen einem Winzling zur Verfügung stehenden Kräften die Seele aus dem Leib. Vielleicht erzählte ich schon damals. Geschichten, die außer mir keiner verstand. Ansonsten war ich menschenscheu. Doch all dies liegt lange zurück, ist Vergangenheit. Meine Geschichten werden nun - hoffe ich - verstanden, und das übrige hat sich - denke ich - ausgeglichen.


Doch vor diesem ereignisreichen Jahr meiner Geburt und der Unabhängigkeit Israels lag eine andere Zeit.

 

Meine Eltern gingen einen langen Weg. Ebenso mein Großvater, der Vater meiner Mutter, von dem ich entscheidend geprägt wurde. Vielleicht, weil er der einzige Verwandte außer meinen Eltern war, den ich kannte. Und weil er die besten Pfannkuchen-Rollen mit Schokoladefüllung backen konnte.


Mein Vater schloss sich mit achtzehn gegen den Willen seiner Eltern einem Seitenarm der berühmten Berliner Baumgruppe an. So wurde aus einem angehenden jüdischen Jurastudenten ein kommunistischer Widerstandskämpfer gegen die Nazis.


„Wenn du zu diesen Linken gehst“, sagten seine Eltern, „betrittst du unsere Wohnung nicht mehr. Die Nazis werden uns nichts tun. Wir sind Deutsche. Berliner. Seit urewigen Zeiten.“


Die Nazis sahen die Sache ganz anders. Sie deportierten seine Eltern und seine ältere Schwester – meine Großeltern und meine einzige echte Tante – nach Auschwitz und vergasten sie. Die Widerstandsgruppe meines Vaters flog auf. Bis auf zwei Mitglieder, einer davon mein Vater, wurden alle in Plötzensee erschossen. Darunter sein Cousin und seine damalige Freundin. Mein Vater zeigte mir die Tafel mit den Namen der Opfer, die an sie erinnert.


Für die Flucht ins Exil besonders gefährdeter Personen wurde mein Vater quasi ‚übernacht’ mit einer fremden Frau verheiratet und mit einem für Ehepaare gechartertem Schiff nach Palästina verfrachtet. Dort verdiente er seinen Lebensunterhalt bei einem Transportunternehmen und mit nächtlichen Taxifahrten, die sogar einmal mitten in den für Juden gefährlichen arabischen Sektor hineinführte. Mit einer geschmuggelten Leiche im Kofferraum, in Begleitung von vier finster dreinblickenden Arabern und mit der Drohung, keine einzige Frage zu stellen.


Mein Vater, der Jugendrichter werden wollte, und von dem meine Mutter später meinte, es wäre den Jugendlichen viel erspart geblieben, fühlte sich in Israel intellektuell unterfordert. Dies änderte sich auch nicht, als er Soldat der israelischen Armee wurde, einen Minensuchpanzer durch vermintes Gebiet fuhr und sich jeden Morgen beim Abschied von meiner schwangeren Mutter wünschte, mich ungeborenes Wesen nur ein einziges Mal in den Armen halten zu dürfen.


Doch auch davor lag eine andere Zeit…

 

Soweit das Appetithäppchen meines „Lese-Vortrags“, der mit einer Kurzgeschichte  am Ende etwa eine Stunde dauert. Da der Vortrag (hoffentlich) viel Diskussions-Zündstoff  liefert, ist - ebenso wie nach den anderen Lesungen - ein reges Frage- und Antwortspiel erwünscht.

Der Vortrag allein (Länge: ca. 45 Minuten) ist auch als Schullesung bestens geeignet.

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