Lebenstraumkette


Trilogie, Lyrik/Prosa, Soldi-Verlag, Hamburg, 1982

 

Neues Leben
Sie gingen weit hinein
in ein fremdes Land.
Sie hatten alle und alles verloren.
Sie begegneten einander und
sie liebten einander und
sie gebaren ein Leben
in diese komplizierte Welt.
Mein Leben.

 

„Wie konnte er diese Jüdin nur heiraten“, flüsterten die Tanten.
„Wie konntest du nur einen Christen heiraten“, sagte eine jüdische Freundin.
Und ich fühlte mich anders als jene Freundin und anders als die Juden und anders als die Christen. Und anders als diese ganze verdammte  Welt zusammen. Und ich fühlte mich niemandem zugehörig, nicht den Juden, nicht den Christen, nein, nicht einmal mir selbst.

 

Die Zeit verträumen
Den Augenblick einsaugen
Blicke verlieren sich in den Tag
Luftschlösser hoffen sich in die Wirklichkeit
Doch das Leben entfaltet eigene Wunder.

 

Bühnentraum
Es war das Fest der Feste
als der Mond der Sonne die Hand küsste
und die Sterne in gläsernem Schweigen erstarrten.
Die Marionetten zogen ihre Masken auf,
die Clowns setzten ihre Pappnasen ab,
um sich im Spiegel ihrer selbst zu betrachten.
Das Standesbewusstsein gab sich bewusst,
der Neid rieb sich die Hände
und die (un)auffällige Angst, nicht (auf)zufallen,
faltete die Bewegungen.
Auf dem Schafott verbrannte man die Ehrlichkeit,
auf der Guillotine zersägte man die Liebe,
derweil in der Lachtränengosse
die Gefühle ertranken.
Die Küßdiehand-Seligkeit ging einher,
Lippenlöcher in das Eis beringter Finger spießend.
Das Traumbild des Augenblicks
erlag der Selbstgefälligkeit,
das Lächeln – ein Trugbild des Augenblicks,
die Wahrheit – eine Sensibilität der Außenseiter.
Ungeschminkt betrat man die Bühne,
verschminkt durchwatet man ihre Diagonalen,
um bald abgeschminkt ihre Nacktheit zu verlassen,
während Lampions weiterhin durch die Fäden
der Wirklichkeit grinsen.
Es war das Fest der Feste
als der Mond der Sonne die Hand küsste
und die Sterne in gläsernem Schweigen erstarrten.