Eingekreist

 

Eine alte jüdische Frau sitzt 1942 im Amtszimmer einer französischen Gendarmerie. Durch die linke Tür geht es ins Lager der Deutschen, durch die rechte in die Freiheit. „Ich gehe jetzt für zehn Minuten hinaus“, sagt der Gendarm und verlässt den Raum. Aber die alte Frau bleibt sitzen, starr vor Schmerz und Erschöpfung.


So beginnt die erste von fünf Szenen, die Ronnith Neumann zu einem eindringlichen Theatertext verdichtet hat. Erzählt werden Geschichten von Verfolgten, „Eingekreisten“, die ihrer Gegenwart durch Abwendung zu entkommen suchen.


Auch die weiteren Szenen stellen – mal grotesk-absurd, mal lyrisch-realistisch – die Frage nach dem Hin- und Wegsehen der Täter und Opfer. So erhalten die Szenen über den konkreten historischen Hintergrund hinaus dauerhafte Bedeutung, schließt sich der Kreis zu einem unvollständigen Ganzen.


Mit einfachen, zarten Strichen kreist Ronnith Neumann ihr Thema ein. Es sind Erinnerungssplitter, quälend-banale und zugleich modellhaft erlittene Situationen, die von Schuld und Mitschuld, von Vergessen, Verdrängen und Schweigen reden.

Aus der Ankündigung zum 14. Theatertreffen NRW, Schauspielhaus Bochum, Juni 1995, Inszenierung der Kammerspiele Paderborn.