In „Ein Stürmischer Sonntag“ geht es um die Einsamkeit einzelner Menschen in unserer Massen-Gesellschaft. Was hat Sie auf dieses Thema gebracht?
Immer wieder lesen wir Zeitungsberichte über einsame Menschen, deren Tod in den eigenen vier Wänden erst nach Tagen entdeckt wird. Manchmal rein zufällig. Die Vereinsamung des Einzelnen in unserer zunehmend anonymen Wohlstandsgesellschaft halte ich für eine Katastrophe. Der Verlust menschlicher Werte und eine daraus resultierende Verrohung sind in so einer Gesellschaft programmiert, mancherorts bereits vollzogen. Das birgt für viele, die da nicht mithalten, die Gefahr ausgegrenzt zu werden.
Es geht auch um die Tötung eines Kindes. Eine furchtbare Tat, auch wenn diese Tötung aus Liebe geschieht. Mögen Sie Kinder?
Natürlich mag ich Kinder. Ich denke, jemand, der Kinder nicht mag, würde nicht so ein Stück schreiben. Auch die weibliche Figur meines Stückes mag das Kind. Nur mag sie es auf eine fatale, für uns völlig unbegreifliche Weise. Auf eine irrationale Weise, die nicht davor zurückschreckt, ihm das Äußerste zu schenken – den Tod. Um den Jungen von dem Leben zu befreien, das ihr selbst so verhasst ist.
Gibt es in Ihrem Stück die Hoffnung auf Erlösung aus dieser Isolation? Immerhin öffnet sich die Frau in einem Gespräch.
Ich denke nicht, dass sich die Frau wirklich öffnet. Sie versucht, die Tötung des Kindes als einzigen Ausweg, als folgerichtige Konsequenz aus einem nicht lebenswerten Leben zu erklären. Und was die Erlösung aus der Isolation betrifft: Will sie das überhaupt? Würde sie die Erlösung erkennen? Ist es dafür nicht längst zu spät? Am Ende jedenfalls streicht sie ihr kleines Schwarzes über den Knien glatt. Sie glaubt, sie hat das Richtige getan. Ihre Welt ist wieder in Ordnung.

Auszug aus einem Interview von Andrea Pistorius für das Theater-Forum des Westfalen Blattes vom 27. September 2000 anlässlich der Uraufführung von „Ein stürmischer Sonntag“ in den Kammerspielen Paderborn.

 

 

Gewalt und Einsamkeit
 „Ein stürmischer Sonntag“ ist eine sparsame, aber doch drastische Geschichte mit verstörendem Ausgang. Mit welchem Gefühl möchten Sie den Zuschauer nach der Vorstellung entlassen?
 Mit einem nachdenklichen natürlich. Es geht um die Einsamkeit des Menschen. Um die Einsamkeit einer Frau. Und da heraus eskaliert die Sache.
Die Erzählung „Ein stürmischer Sonntag“ erschien 1996, das Stück danach wurde vier Jahre darauf uraufgeführt. Was haben Sie für das Stück verändert?
Ich habe mich gefragt: Was passiert, wenn die Frau ihre Geschichte jemandem erzählt? Einem Polizisten oder Psychiater? Auf die Figur der Frau musste ich mich lange vorbereiten. Ich habe ihr viele Fragen gestellt und überlegt: Wie würde jemand diese Frau befragen? Aber der Fragende muss auch eine Geschichte haben; am Schluss des Stückes wird sie angedeutet. Ich habe den Mann eingeführt und mich dann als Autorin langsam zurückgezogen.
Viele Ihrer Stoffe haben, so phantastisch sie sich auch ausweiten mögen, einen Kern, der aus der Zeitung entnommen sein könnte. Hat „Ein stürmischer Sonntag“ einen konkreten Ursprung? 
Nein. Außer dem Wunsch,  einen Menschen zu schildern, der ein wehrloses Gegenüber in seiner Gewalt hat. Ich glaube, ich habe einfach jemanden beobachtet und mir die Sache ausgedacht. Eine Geschichte kann mich anfliegen, wenn ich jemanden im Café ansehe.

Auszug aus einem Interview für den Fränkischen Tag vom 27. Februar 2003, anlässlich der Premiere von „Ein stürmischer Sonntag“ im E.T.A.-Hoffmann-Theater, Bamberg.